Bildung für Flüchtlinge – eine Chance für alle

Kaum ein Begriff wird derzeit so häufig verwendet wie das Wort „Flüchtlinge“. Oft im Zusammenhang mit Krieg, Vertreibung, Leid und Flucht unter unmenschlichen Bedingungen – „Flüchtling“ ist definitiv Kandidat für das Wort des Jahres. Gleich hinter „besorgter Bürger“, aber das ist eine andere Geschichte, um die es hier nicht gehen soll.

Flüchtlinge als Herausforderung für ganz Deutschland

Hunderttausende Menschen strömen derzeit auf allen erdenklichen Wegen nach Europa, sehr viele davon kommen zu uns nach Deutschland. Von 800.000 oder mehr Flüchtlingen ist die Rede, die in diesem und im nächsten Jahr jeweils zu uns kommen könnten. Auch wenn PEGIDA & Co. längst den Untergang des Abendlandes nahen sehen, auch wenn Politiker aus dem konservativen Lager für einen Aufnahmestopp und schnelle Abschiebung plädieren – Deutschland drückt sich nicht vor seiner historischen Verantwortung, sondern nimmt diejenigen auf, die Hilfe suchen vor Unterdrückung und Krieg. Das finden wir gut, auch wenn es für uns alle, für den Bund, die Länder und jede einzelne Gemeinde eine große Herausforderung darstellt. Wohnraum muss bereitgestellt werden, Nahrungsmittel und Kleidung müssen beschafft, kulturelle Differenzen auch unter den Flüchtlingen selbst müssen wahrgenommen und möglichst deeskaliert werden … und, und, und. Eine unlösbare Aufgabe? Nein, wir sind sicher, dass Deutschland das packen kann. Jeder kann helfen und so sind wir gerade dabei, uns Lösungen auszudenken, wie wir die zu uns kommenden Menschen aus aller Welt ausbilden und ihnen Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten können.

Flüchtlinge als Chance für den Arbeitsmarkt

Obschon der viel besungene Fachkräftemangel zu großen Teilen auf Übertreibung und bewusster Zuspitzung vonseiten der Industrie beruht, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass wir in vielen Bereichen und Gegenden mehr Fachkräfte benötigen. Wenn nun Menschen zu uns kommen, die in Deutschland zumindest vorübergehend eine neue Heimat finden möchten, was läge da näher, als ihr Potential zu nutzen, weiter auszubauen und daraus eine Chance für beide Seiten zu machen? Eine Chance für die Flüchtlinge, sich hier vielleicht eine neue Existenz aufzubauen, eine Chance für Deutschland, die benötigten Fachkräfte zu rekrutieren und die Wirtschaft weiter zu stärken.

Natürlich sind Barrieren zu überwinden. Zuallererst ist hierbei die Sprache eine große Hürde. Wir bieten seit geraumer Zeit „Deutsch als Fremdsprache“ an und sind gerade dabei, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um unsere Bildungsangebote auszuweiten. Gerade die Sprache ist sowohl Herausforderung als auch Türöffner gleichermaßen. Sprachkenntnisse sind nicht nur der wichtigste Schritt in Richtung Integration, sie sind auch unbedingt notwendig, um sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt positionieren zu können.

Dass Integration kein einseitiger Prozess ist, sondern in einer kollektiven Anstrengung von allen Seiten mitgetragen werden muss, dürfte kein Geheimnis mehr sein. Von Menschen aus fremden Kulturkreisen, die schlimme Erlebnisse und Reisen voller Strapazen hinter sich haben, eine naht- und problemlose Assimilation unserer Werte, Normen und Eigenheiten zu erwarten, ist naiv. Jeder Einzelne sollte sich fragen, wie es wohl wäre, quasi von heute auf morgen in ein Land am anderen Ende der Welt fliehen zu müssen, dessen Sprache und Kultur man nicht kennt, das einem buchstäblich völlig fremd ist. Die wenigsten von uns bekämen das reibungslos hin, wenn wir mal ehrlich sind. Umso wichtiger ist es, dass in deutschen Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Universitäten und generell „bei uns“ eine Kultur des Willkommenheißens, der Rücksichtnahme und Toleranz, aber auch des kritischen Umgangs mit bestimmte Facetten des Zusammenlebens Einzug hält. Probleme müssen als solche identifiziert und angesprochen werden, damit sie gelöst werden können. Es wird Widerstände geben, ob von besorgten Bürgern, von konservativen Politikern oder von einigen Gruppierungen innerhalb der Flüchtlinge – das ist normal, eine Demokratie wie unsere muss und wird so etwas aushalten.

Bildung bietet langfristige Perspektiven für alle Seiten

Letztlich, wenn wir es geschafft haben, ein gesundes Miteinander zu erreichen, werden alle davon profitieren. Diejenigen Flüchtlinge, die hier heimisch werden, nehmen am deutschen Arbeitsmarkt teil, diejenigen, die wieder zurück in ihre Heimat gehen, können das hier erworbene Wissen vielleicht gewinnbringend zu Hause anwenden. Und, was in der Debatte um die „Refugees“ häufig unter den Teppich gekehrt wird – auch wir können etwas von den Menschen lernen, die jetzt zu uns kommen. Diese Entwicklung sollten wir, neben der durchaus angebrachten Betroffenheit und Trauer im Angesicht der teils tragischen Schicksale, als das begreifen, was sie auf sehr vielen Ebenen ist – eine großartige Chance.

Ohne Übertreibung lässt sich feststellen, dass die Flüchtlingskrise, die sich dieses Jahr in einem bisher ungekannten Ausmaß auf Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen auswirkt, das Potential für große gesellschaftliche Umwälzungen hat. Dass Einheimische sich davon zum Teil bedroht fühlen, und dass das nicht nur für die Anhänger von PEGIDA & Co. gilt, ist zutiefst menschlich. Ironischerweise lässt sich auch diese Ablehnung mit demselben Mittel kurieren, das auch den Flüchtlingen auf lange Sicht hilft – Bildung. Die Furcht vor dem Unbekannten, egal ob es sich dabei um neue Technologien, um politische Modelle oder schlicht um fremde Menschen handelt, fußt zumeist auf Unwissenheit. Dass sich PEGIDA, die sich einer gefühlten drohenden Islamisierung entgegenstemmt, ausgerechnet in Dresden, einer der deutschen Städte mit dem geringsten Anteil an muslimischen Einwohnern überhaupt, formiert hat, macht dies mehr als deutlich. Sich diesem Gedankengut entgegenzustellen, den Menschen in unserem Land die Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich aus Krisen wie der aktuellen ergeben, das sehen wir als eine unserer Aufgaben.

Bei allem Optimismus dürfen wir natürlich die Realität nicht aus den Augen verlieren. Es wird kaum möglich sein, Millionen Menschen ohne Konflikte langfristig in Deutschland aufzunehmen und in Lohn und Brot zu bringen. Was aber möglich ist, ist Menschen eine zumindest vorübergehende Perspektive zu geben. Viele derjenigen, die heute als Flüchtlinge zu uns kommen, möchten gern wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Niemand weiß jedoch, wann das sein wird. Daher sehen wir es als Aufgabe für unsere ganze Gesellschaft an, solidarisch und mit den oft gerade auch von „besorgten Bürgern“ angesprochenen christlichen Grundwerten wie Nächstenliebe zu handeln. Dabei ist es völlig egal, ob man selbst gläubig ist. Sich anderen Menschen gegenüber offen und freundlich zu zeigen, sollte selbstverständlich sein.

Wie eingangs erwähnt, sind wie gerade dabei, unsere Kapazitäten zu prüfen und zu erweitern, um all jenen, die unsere Bildungsangebote in Anspruch nehmen möchten, diese auch zur Verfügung stellen zu können. Das wird ein hartes Stück Arbeit, aber wir sind überzeugt davon, dass es sich lohnt.

Refugees welcome – auch bei indisoft!

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